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Der Jazz in der DDR-Kulturpolitik der 50er-Jahre

Es ist der 31. August 1956, als der Dokumentarfilm Vom Lebensweg des Jazz seine Premiere im Leipziger Kino Capitol feiert. Hohe Parteifunktionäre der SED besuchen die Veranstaltung, auch aus dem Westen finden Besucher und Pressevertreter ihren Weg in die Stadt. Heinz Lukasz, ein Leipziger Journalist, tritt vor das Publikum. Er berichtet von den Versuchen verschiedener Parteifunktionäre der SED, die Produktion des Films zu stoppen. Er berichtet von den Hürden bis zur Fertigstellung des Films, der, als 40-minütige Produktion erdacht, in seiner finalen Fassung auf knapp 19 Minuten gekürzt worden war. Und dann schließt er seine Rede: Man würde sich nicht mehr von verbohrten Stalinisten traktieren lassen. Jubel, Entsetzen, Empörung. Die Jazzfreunde im Publikum sind begeistert, auch vom Film. Die SED-Bezirksleitung in Leipzig trifft sich schon am nächsten Tag.

Die Jazzbewegung um den Gesellschaftswissenschaftler Reginald Rudorf und den Journalisten Heinz Lukasz hatte an diesem Abend den Bogen überspannt. Der Film verschwand aus dem Vorprogramm der DDR-Kinos, bevor er wirklich anlaufen konnte. Noch im Dezember 1956 wurden Rudorf und Lukasz bei einem Vortrag krankenhausreif geschlagen und flohen in den Westen. Die seit Bestehen der DDR kritisch beäugte Jazzszene war politisch geworden. Die beiden führenden Köpfe landeten auf der Abschussliste der SED.

Die Jazzmusik, vor allem von den US-Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg ins Nachkriegsdeutschland getragen, erlebte bis zur Gründung der DDR 1949 eine rasante Verbreitung, die selbst in der Sowjetischen Besatzungszone von der Militäradministration vorangetrieben wurde. Der Jazz, von den Nationalsozialisten noch als „entartete Musik“ diffamiert und damit logischerweise als ideologisch unbedenklich einzustufen, sollte die kulturelle Wiederbelebung im zerstörten Deutschland forcieren. Der Jazz sollte Unterhaltungsmusik sein für die vom Krieg Traumatisierten. Über die offenen Grenzen und vor allem über das Radio fand der Jazz seine Anhänger in allen Teilen Deutschlands. Doch wurde die Jazzmusik in der Sowjetischen Besatzungszone noch im Zuge der antifaschistisch-demokratischen Leitlinie der Militäradministration gefördert, wurden die Freiheiten der Jazzanhänger mit einer Hinwendung zum Antiamerikanismus und zum sozialistischen Realismus in der östlichen Besatzungszone immer stärker eingeschränkt. Mit der Gründung der DDR und besiegelt auf dem III. SED-Parteitag 1950 spaltete sich die Jazzentwicklung Deutschlands in eine Entwicklung des BRD-Jazz und eine des DDR-Jazz auf. Während die Jazzmusik in der BRD Unterstützung erfuhr und sich schon in den 50er Jahren von den US-amerikanischen Vorbildern emanzipieren konnte, verzögerte sich diese Entwicklung in der DDR durch die restriktive Kulturpolitik stark. Die Jazzmusik war nun nicht mehr antifaschistische Unterhaltungsmusik, sondern die Waffe des Klassenfeindes, der mit diesem schleichenden Gift die Gesellschaft der DDR infiltrieren wollte.

Die führenden Köpfe der DDR-Kulturpolitik suchten zu Beginn der 50er-Jahre verzweifelt nach einer Musik, die den Aufbau des Sozialismus in der noch jungen DDR begleiten konnte. Eine Musik, die nicht von den imperialistischen Amerikanern geprägt wurde und die den Charakter des Sozialismus widerspiegeln konnte: eine „Volkstanzmusik“. Die Zeit drängte, denn viele Jugendliche wandten sich der Jazzmusik zu. Die Feindsender zu stören und Schallplatten an der Grenze zu konfiszieren, reichte nicht. Das Netzwerk der Jazzenthusiasten war zu dicht. Eine Musik war gesucht, die man dieser verrohenden Welle aus dem Westen entgegenstellen konnte. Reginald Rudorf und Heinz Lukasz sahen in dieser verzweifelten Suche nach einer Volkstanzmusik die Chance, der Jazzmusik eine Nische zu schaffen, in der sie sich auch in der DDR entfalten konnte: Der Jazz selbst sollte Basis für eine sozialistische Volkstanzmusik sein.

Die von Rudorf als „marxistische Jazz-Theorie“ bezeichnete Argumentationslinie sollte die Grundlage sein, um Akzeptanz für den Jazz in der DDR-Kulturpolitik zu schaffen. Kern dieser Theorie war es, denn Jazz stärker auszudifferenzieren. Statt die Jazzmusik in ihrer Gänze als Produkt des imperialistischen Klassenfeindes zu begreifen, sollte zwischen eben diesem Produkt, dem „kommerzialisierten Jazz“, und dem wahren, aus der Jazzgeschichte erwachsenen, „authentischen Jazz“ unterschieden werden. Um die Wende von 19. zum 20. Jahrhundert in New Orleans entstanden und vor allem von schwarzen Arbeitern geprägt – so die Argumentation –, war der Jazz in seiner ursprünglichen Form die Musik eines „schwarzen Großstadtproletariats“. Die frühen Stile wie der New Orleans-Jazz oder der Swing seien damit nicht als Waffe des Klassenfeindes zu begreifen, sondern könnten vielmehr aufgrund ihrer proletarischen Herkunft und ihres Charakters als großstädtische Volksmusik auch im ideologischen Gerüst der DDR ihren Platz finden. Diese Theorie, die Rudorf und Lukasz den spöttischen Namen „Jazz-Marxisten“ einbrachte, fand bei Vertretern der SED, der FDJ und des Kulturbundes in der DDR großen Anklang, auch weil man sich von einer Tolerierung einiger Jazzstile einen besseren Zugriff auf die jugendliche Bevölkerung erhoffte. Der forcierte Entspannungskurs der SED nach dem Tod Stalins 1953 tat sein Übriges. Rudorf und Lukasz konnten Radiosendungen zur Jazzgeschichte produzieren und Jazzveranstaltungen und sogar Jazzclubs wurden zugelassen.

Im November gründeten die „Jazz-Marxisten“ um Rudorf und Lukasz die „Redaktion“, die eine Art Büro für den Jazz in der DDR darstellen sollte. Kontakte mit Veranstaltern, Musikern und Jazzfreunden – auch aus dem Westen – sollten gepflegt und die Legalisierung des Jazz weiter vorangetrieben werden. Denn auch wenn die Jazzmusik in einer Unterscheidung zwischen „kommerzialisiertem Jazz“ und „authentischem Jazz“ von der DDR-Kulturpolitik toleriert wurde, offiziell anerkannt war sie nicht. Die Jazzszene blieb Ziel ständiger Überwachung, die Freunde der improvisierten, in der amerikanischen Geschichte verwurzelten Musik wurden als politisch bedenklich eingestuft, allerdings toleriert, solange sie nicht aktiv wurden.

Auf einer Tagung im Oktober 1955 in Leipzig unter dem Titel „Jazz und Weltanschauung“ einigten sich die anwesenden ostdeutschen Jazzfreunde darauf, aus Illegalität und Halblegalität herauszutreten und sich für eine vollständige Legalisierung der Jazzmusik und der bestehenden Jazzgruppen einzusetzen. Das nun greifbar werdende politische Potential wurde von Funktionären im Kulturministerium registriert. Man lud Rudorf zu einem ernsten Gespräch. Dieser versicherte, man habe nicht die Absicht, die Jazzszene zu politisieren, doch die Position der Kulturfunktionäre war klar: Es würde zum Eklat kommen, sollten die „Jazz-Marxisten“ den Jazz gegen die Kulturpolitik ausspielen.

Bis zum Endes des Jahres 1956 sollte sich diese Drohung nicht bewahrheiten. Erst die Premiere des Dokumentarfilms Vom Lebensweg des Jazz brachte den Bruch. Hatte man noch einigen Nährboden für politische Diskussionen aus dem Film entfernt, an dem Rudorf selbst federführend mitgearbeitet hatte, schädigte Lukasz‘ Rede das Vertrauen der DDR-Kulturpolitik in die Szene um Rudorf und Lukasz nachhaltig. Zur gleichen Zeit schlug die Sowjetarmee in Ungarn den Volksaufstand nieder. Die SED verschärfte ihren Kurs, ging rigoros gegen politische Feinde vor. Und zu einem solchen war die Jazzszene oder waren wenigstens deren führende politische Köpfe Reginald Rudorf und Heinz Lukasz geworden, die auch noch bei weiteren Vorträgen nach der Premiere mit SED-Funktionären aneinander gerieten. Nachdem beide – vermutlich auf Veranlassung der Leipziger SED – zusammengeschlagen worden waren und in den Westen fliehen mussten, hatte Lukasz die Hoffnung auf eine Legalisierung des Jazz in der DDR aufgegeben. Rudorf kehrte zurück und bezahlte seinen Optimismus mit einer zweijährigen Haft im Arbeitslager Rücknitz. 1959 verließ er die DDR und kehrte nicht wieder zurück. Noch bestehende halblegale Jazzformationen waren in dieser Zeit vom Wohlwollen der jeweiligen regionalen Behörden abhängig. Die rigorose Verbotspolitik der frühen 50er-Jahre kehrte in Form von Durchsuchungen und Beschlagnahmung von Jazzplatten und –literatur aus dem Westen zurück. Ein Gesetz, das den Anteil an westlichen Produktionen in Rundfunk und auf Konzerten auf maximal 40%  aller Stücke beschränkte, brachte das wiedererstarkte Misstrauen gegenüber westlichen Einflüssen auf den Punkt.

Die Arbeit der „Jazz-Marxisten“ eröffnet den Blick auf ein turbulentes Jahrzehnt für den Jazz in der DDR. Die Jazzszene der DDR war keine genuin politische Szene, doch die Suche nach Anerkennung in offiziellen Kreisen machte Teile von ihr zu einem politischen Faktor. Der Einsatz des Netzwerks um Reginald Rudorf und Heinz Lukasz hatte dem Jazz Räume geöffnet, doch dass die ideologischen Gräben nie geschlossen wurden, mussten beide Ende der 50er Jahre schmerzlich erfahren. Erst im Laufe der 60er- und 70er-Jahre sollte der Jazz in der DDR die Akzeptanz erhalten, die ihm in den 50ern noch verwehrt geblieben war.


Der Artikel ist erschienen in Politik & Kultur (Zeitung des Deutschen Kulturrats), Ausgabe 6/2015, S.15: https://www.kulturrat.de/publikationen/zeitung-pk/06-2015/

Beitragsbild: „Auf einer öffentlichen Veranstaltung im DDR-Ministerium für Post- und Fernmeldewesen versuchte die Interessengemeinschaft Jazz-Berlin am 11. Juni 1956 den Jazz in der DDR zu legitimieren. Unter anderem spielten die Saxophonisten Benny Mämpe (rechts) und Horst Deutschendorf.“, Bundesarchiv, Bild 183-38956-0002 / CC-BY-SA 3.0

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