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Von Computerspielen, Alltagsgeschichte und ihrem Einfluss auf Public History

Aveline de Grandpré wurde geboren am 20. Juni 1747 in eine von Rassentrennung, Sklaverei und Restriktionen geprägte Gesellschaft. Im französisch beherrschten New Orleans des ausgehenden 18. Jahrhunderts kämpfte sie für die Rechte der schwarzen Sklaven. Sie verkleidete sich, war im einen Moment eine wohlhabende Lady, im nächsten eine Sklavin, die untertauchte in der Masse. Und, wohl eine ihrer zentralsten Eigenschaften, sie hat es nie gegeben. Aveline ist die fiktive Protagonistin im Videospiel „Assassin’s Creed: Liberation“. Nun, New Orleans hat es allerdings tatsächlich schon 1747 gegeben. Auch die Sklaverei existierte. Frauen wie Aveline gab es auch, Tochter eines wohlhabenden weißen Händlers und einer schwarzen Sklavin, freigekauft und wohlerzogen. Was macht man nun also mit diesem Videospiel, diesem Unterhaltungsprodukt, dieser offenkundig fiktiven Handlung um die Assassine Aveline de Grandpré?

Als Historikerin oder Historiker könnte man nun nach dem Historischen in diesem Spiel suchen, nach den Bildern von Geschichte, die dieses Produkt in den Köpfen der Spielenden erzeugt. Dass für mich dieses „könnte“ ein „kann“ geworden ist, hat entscheidend mit der Existenz der Public History zu tun. Eine kurze Einführung zu dieser Bewegung und Studienrichtung scheint angebracht. Man ist überrascht, wie dynamisch diese Geschichtswissenschaft sein kann und wie schön es ist, einen Begriff zu haben, der diese Dynamik beschreiben kann.

Ihren Ursprung hat die nun auch in Deutschland verstärkt Fuß fassende Public History in den USA. In den 1960er-Jahren rüttelten Laienhistorikerinnen und –historiker am Elfenbeinturm der institutionalisierten Geschichtswissenschaft der Universitäten und öffneten träge gewordene Geister für neue Perspektiven auf das Vergangene. Die politikgeschichtlichen Auseinandersetzungen mit den großen, vermeintlich wichtigsten Fragen wurden erweitert um die bisher sträflich vernachlässigten Bereiche der Lokalgeschichte und Alltagsgeschichte. Minderheiten wurden in den Blick genommen, kultur-, wirtschafts- oder sozialgeschichtliche Zugänge wurden gewählt, neue Quellen, darunter vor allem mündliche Überlieferungen, wurden relevant. Statt der großen Männer, die als Denker und Lenker der Menschheitsgeschichte verklärt wurden, sollten diverse Akteure sichtbar gemacht werden. Die „Public Historians“ trafen auf die akademischen Eliten, Frontenbildung statt fruchtbarem Austausch, auch, da die etablierte Geschichtswissenschaft im interdisziplinär angelegten Methodenmeer der Public History ihr Profil davonschwimmen sah. Mit zunehmendem historischen Interesse der nicht-akademischen Öffentlichkeit stieg allerdings auch der Druck auf die Universitäten. Ende der 70er-Jahre entstand der erste Public History-Studiengang, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, Historikerinnen und Historiker auszubilden, die Wissen über Vergangenes auch an ein nicht ausgebildetes Publikum vermitteln konnten.

Weniger stark als im englischsprachigen Raum wurde die Geschichtswissenschaft auch in deutschsprachigen Gefilden auf die „Geschichte in der Öffentlichkeit“ aufmerksam. „Fachjournalistik Geschichte“ nannte sich ein 1985 in Gießen etablierter Magisterstudiengang, der die Idee von einem nicht-universitären Einsatz von geschichtswissenschaftlichen Kompetenzen erstmals institutionalisiert in Deutschland platzierte. Durch den Segen des Studienbeschleunigungs- bzw. Marktkonformitätsprogramms, im Volksmund auch als Bologna-Reform bezeichnet, hielten Seminare zur Einsetzbarkeit von Geschichte außerhalb der Universitäten in nahezu alle geschichtlichen Studiengänge Einzug. Erstmals tatsächlich als „Public History“ bezeichnet, wurde 2008 ein Masterstudiengang an der Freien Universität Berlin eingeführt. Seite 2015 kann nun auch die Universität zu Köln ein solches Masterprogramm vorweisen.

Worüber nun im deutschsprachigen Raum intensiv diskutiert wird, ist, wie man diese Public History oder Angewandte Geschichte oder Geschichte in der Öffentlichkeit definieren und auf welchem Methodenkorpus sie fußen könnte. Ob man die Public History überhaupt in das Korsett einer klar begrenzten Definition zwängen muss, bleibt offen. Dass die Public History die Auseinandersetzung mit und Schaffung von außeruniversitären Angeboten umfasst, die Historisches in sich tragen, ist wohl unstrittig. Doch scheint es vor allem sinnvoll, die Public History als einen dynamisierenden Moment zu verstehen, der die Geschichtswissenschaft als Ganzes ergreift und der, wie die Geschichtsmagazine, Historienfilme oder Historienspiele (um nur einige wenige Beispiele zu nennen), niemals zum Stillstand kommen kann. Was nützt eine enge Definition, wenn die Public History doch vor allem alle Historikerinnen und Historiker ermächtigen kann, sich frei von verstaubten Vorstellungen von Geschichtswissenschaft mit allem zu beschäftigen, was mit dem Historischen liebäugelt? Nach diesem Verständnis muss die Public History auch in Zukunft klar interdisziplinär angelegt sein, Diskussionen über das Profil des Fachs werden sich fortsetzen.

Wenn sich nun – um wieder zur Assassine von New Orleans zurückzukehren – in diesem Jahr der „Arbeitskreis Geschichtswissenschaft und Digitale Spiele“ gegründet hat, dann ist das nur möglich, weil die Public History auf breitem Raum die Geschichtswissenschaft zu öffnen vermag. So profitiere auch ich vom methodischen Eklektizismus, der im Fach vorherrscht. Er macht es möglich, Aveline de Grandpré, ihre Handlungen und ihre Welt als Entstehungsort von Geschichtsbildern zu begreifen und zu erforschen, die Spielende auf der ganzen Welt prägen.


Dieser Artikel ist in Ausgabe 6/2016 der Politik & Kultur (Zeitung des Deutschen Kulturrats) erschienen: https://www.kulturrat.de/publikationen/zeitung-pk/ausgabe-nr-062016/

Beitragsbild: Screenshot aus Assassin’s Creed: Liberation HD. 2014. Ubisoft Sofia/Ubisoft Milan. Playstation 3 (Playstation Network), Xbox 360 (Xbox Live Arcade), PC (Windows). Ubisoft.

Published inAllgemein