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Anders denken – Der Deutsche Computerspielpreis 2019

Vielleicht sollte man dankbar sein. Das totale Desaster, das die Verleihung des Deutschen Computerspielpreises 2019 war, könnte ein Weckruf sein. Nein, das muss es sogar.

Kleine Schritte

Der Preis hatte kleine Schritte gemacht in den vergangenen Jahren. Viele – auch ich – hätten sich mehr Mut zum Experimentieren gewünscht, ebenso eine stärkere Würdigung der kulturellen Bedeutung des Mediums und der künstlerischen Ausprägungen desselben. Stattdessen war immer viel Geld und Politik, aber eben immerhin eine sichtbare Entwicklung, eine positive Tendenz, jedes Jahr.

Es gab mehr Gelder, die Juryarbeit wurde professionalisiert, die Moderationen von Barbara Schöneberger gaben dem Preis und dessen Preisträgerinnen und Preisträgern immerhin das Gefühl, ernst genommen zu werden. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen, doch die diesjährige Moderatorin Ina Müller zeigte, wie schnell eine fehlgeleitete Moderation den ganzen Preis der Lächerlichkeit preisgeben kann.

Eine zweieinhalbstündige Feldstudie

Wer ins Publikum blickte an diesem Abend, der sah Betroffenheit, Scham, manchmal auch einfach Verständnislosigkeit. Aber vielleicht hatten wir uns auch zu sehr in der Mittelmäßigkeit des Preises eingenistet, der doch immerhin mittlerweile ein solides Fundament aufgebaut zu haben schien. Wenn man kleine Schritte nach Vorne erwartet, dann kommt so ein erdrutschartiger Rückfall in schon längst vergessen geglaubte Zeiten wie ein Schock. Ich jedenfalls empfand die Preisverleihung so.

Die Art und Weise, wie Ina Müller jegliches Fingerspitzengefühl vermissen ließ, während sie in keinem ihrer oft monologisch-ich-bezogenen Redebeiträge auch nur ein gutes Haar an den teilnehmenden Politikerinnen und Politikern, den Preisträgerinnen und Preisträgern und überhaupt an der ganzen Branche ließ, machte betroffen. Es würde schwerfallen, auch nur ein Klischee über die fiktive Gesellschaftsgruppe „Gamer“ auftun zu müssen, das an diesem Abend nicht auf der Bühne ausgerollt und plattgetreten wurde, bis es nicht einmal mehr zuckte. Ein Schock: Es gibt auch gutaussehende „Gamer“. Ein weiterer Schock: „Gamer“ nehmen auch andere Flüssigkeiten zu sich als Energy Drink. Eine Ungeheuerlichkeit: Es gibt auch Frauen, die spielen. Dass Ina Müller nach so viel unerwarteten Eindrücken nicht auf der Bühne zusammensackte, ist da tatsächlich ein kleines Wunder. Zumindest fragte Ina Müller jede Person, die in ihre Reichweite kam, ob diese denn möglicherweise auch einer von diesen – Gott bewahre – „Gamern“ sei. Eine zweieinhalbstündige Feldstudie, bei der das Ergebnis schon feststand und die Frau Müller mit den Worten „Die Gamer, Mann!“ schloss.

Schadensmeldung

Wer hat den Schaden nach solch einer Moderation? Die Politikerinnen und Politiker vor Ort waren sichtlich angefressen, das dürfte Konsequenzen haben. Sie haben allerdings sicherlich mit ihrem plump auf der Bühne vorgetragenen Wahlkampf und den ständigen Sticheleien gegen den Koalitionspartner auch nicht unbedingt zu einer gelungenen Veranstaltung beitragen. Die Preisträgerinnen und Preisträger wiederum, die freuten sich sicherlich über das Geld, aber waren dann auch wieder heilfroh, hinter die Bühne verschwinden zu können, nachdem sie die substanzlosen Fragen der Moderatorin durchgestanden hatten. Die Zuschauerinnen und Zuschauer, beispielsweise im Livestream, die zerflossen in Scham oder machten ihrer Wut in den Facebook-Kommentarbereichen oder bei Twitter Luft. Die Branche, ja, die Branche, was macht die nun mit solch einem Preis?

Sie kann nur hoffen, dass das jetzt ein Weckruf war. Denn der Preis hatte und hat natürlich auch andere Probleme, deren Lösung im Angesicht einer mehr oder weniger soliden Preisverleihung wohl bis zum nächsten Jahr vertagt worden wären. Schaut man sich die Einreichungszahlen der letzten drei Jahre an, so fällt Folgendes direkt auf: 2017 wurden 453 Spiele von Entwicklerinnen und Entwicklern bzw. Publishern eingereicht, 2018 waren es noch 432 Einreichungen. Und 2019? Da wurden nur noch 272 Titel eingereicht. Es muss geklärt werden, wie es zu einem solche Einbruch kommen konnte.

Geld reicht nicht mehr

Einige Thesen stehen hier im Raum, wobei eine doch am plausibelsten erscheint: Der Preis verliert (wieder) an Bedeutung. Denn obwohl er sich in den letzten Jahren durchaus positiv entwickelte und zu stabilisieren schien, so entwickelten sich zeitgleich andere Förderinstrumente für aufstrebende Entwicklerinnen und Entwickler in Deutschland. Andreas Scheuer berichtete noch stolz von den „50 Millionen für Made in Germany“, die, so versicherten er und Dorothee Bär, bald nun auch wirklich zur Verfügung stehen sollen, und erntete dafür großen Applaus. Ein solcher „Games-Fond“ ist angesichts des schwachen Jahrgangs und des wachsenden Abstands deutscher Produktionen zur Weltspitze auch dringend nötig. Petra Fröhlich vom Magazin Gameswirtschaft spricht von einem „riesenriesenriesengroßen Abstand“. Man ist versucht, noch einige „riesen“ hinzuzufügen.

Dieser „Games-Fond“ auf Bundesebene wird nun außerdem noch von steigenden Ausschüttungen der Länder flankiert. Nordrhein-Westfalen beispielsweise plant ein Budget von drei Millionen Euro für die Computerspielförderung im aktuellen Haushalt ein. An Geld für ein neues Spielprojekt zu kommen war also – zumindest theoretisch – noch nie so einfach wie im Moment und wird durch den bundesdeutschen Fördertopf dann sogar noch einfacher werden.

Das könnte nun dem Deutschen Computerspielpreis zum Verhängnis werden, der Prozess scheint – so könnte man die Einreichungszahlen deuten – bereits begonnen zu haben. Wer Fördermittel braucht, muss in Deutschland nun keinen Preis mehr gewinnen. Natürlich, das zusätzliche Geld schadet nicht. Aber als genuiner Antrieb zur Bewerbung verliert die Förderschiene des Computerspielpreises an Bedeutung. Nur, was bietet der Preis denn abgesehen davon überhaupt?

Vier Fragen für die Zukunft

Bisher zumindest bot er wenigstens kurzweilige Unterhaltung und eine Möglichkeit für die Branche, sich selbst zu feiern. Prestigeträchtig in der deutschen Spielendenlandschaft war er noch nie, international sowieso nicht. Immerhin, es hielt sich die Waage. Jedenfalls hatte man als nominiertes Entwicklerteam oder gar als Preisträgerin oder Preisträger keine Schmähungen zu befürchten. Ina Müller brach an diesem Abend im April mit dieser Gewissheit. Und was jetzt?

Ich möchte den Organisatorinnen und Organisatoren des Preises raten, sich folgende Fragen in der Planung der nächsten Preisverleihung durch den Kopf gehen zu lassen, um nun einen bedeutungsvollen Schritt nach Vorne zu machen, der unumgänglich geworden ist.

  1. Wie kann der Preis mehr sein und werden als ein Förderpreis? Es müssen neue Argumente vorgebracht werden, warum Entwicklerinnen und Entwickler sich bewerben sollen. Der Preis benötigt Strahlkraft, muss international bekannter werden (z.B. durch entsprechende Untertitel im Livestream) und braucht die Unterstützung und Akzeptanz der Spielerinnen und Spieler, die über die diesjährige Preisverleihung nur schadenfroh lachen oder entsetzt weinen können.
  2. Wie können diese Spielerinnen und Spieler erreicht werden, wie können sie sich ernstgenommen fühlen? Man sollte diesen Aspekt nicht unterschätzen. Es ist nicht klar, warum Entwicklerinnen und Entwickler diesen Preis gewinnen wollen würden, wenn er doch von einer Mehrheit der Spielerinnen und Spieler nicht für voll genommen wird. Es sind ja nicht nur die im Saal anwesenden, die von einer solchen vorurteilsverseuchten Verleihung beleidigt werden. Es sind auch diejenigen, die per Livestream zuschauen und sich als Teil einer sicherlich höchst heterogenen und unscharfen sozialen Gruppe sehen, die Anerkennung erfahren möchte.
  3. Wer bringt tatsächlich Expertise für die Moderation mit? Das Konzept der lustig-lockeren Laienmoderation (d.h. Laie in Bezug auf Computerspiele) ist krachend gescheitert. Vielleicht lohnt sich ein Blick in die öffentlich-rechtlichen Computerspieleformate wie „Art of Gaming“ (ARTE) oder GameTwo (unterstützt von FUNK). Auch die moderiert irgendjemand.
  4. Wie kann der Preis die Games-Industrie bereichern? Als Thorsten Wiedemann den Jurypreis für das A Maze-Festival entgegennahm, da erzählte er, dass er sich genau diese Frage in Bezug auf das Festival stellt. Eine seiner Antworten war, man müsse nicht alles als Produkt sehen, nicht immer Geld machen, stattdessen solle man die Konvergenz von Games und Kunst feiern. Da zuckten sicherlich einige der Organisatorinnen und Organisatoren des Preises zusammen. Doch er hat Recht und diese wichtige Frage muss sich nun auch der Deutsche Computerspielpreis stellen. Geld alleine reicht nicht mehr, man muss den Preis anders denken.
Published inAllgemein